Wirtschaft im Ernstfall: Bedrohung oder Bastion?: Gesamtverteidigung: Unternehmen in der Pflicht
Deutschland steht vor einer Ära multipler Krisen. Geopolitische Spannungen, Abhängigkeiten von Drittstaaten und klimatische Risiken treffen auf unzureichende Vorbereitung in Wirtschaft und Politik. In einer Szenario-Analyse zeigt Andreas Ebert, wie Unternehmen Vorsorge für den Ernstfall treffen können – und warum sie eine tragende Rolle in der Gesamtverteidigung des Landes spielen.

Die deutsche Wirtschaft ist auf geopolitische Spannungsfälle kaum vorbereitet. Diese These zieht sich durch den Beitrag von Andreas Ebert, stellvertretender Vorstandsvorsitzender des Sicherheitsverbandes ASW Norddeutschland und Manager bei Volkswagen. Aufbauend auf dem Buch „Wenn Russland gewinnt“ von Prof. Dr. Carlo Masala entwickelt Ebert ein Szenario, das mögliche Entwicklungen im Falle eskalierender Konflikte skizziert – Tag für Tag, Schritt für Schritt, bis hin zu Worst-Case-Verläufen.
Sein Ansatz: Unternehmen sollen nicht passiv auf politische Entscheidungen warten, sondern sich aktiv mit der Frage beschäftigen, welche Rolle sie im Rahmen einer gesamtstaatlichen Verteidigung einnehmen können.
Masalas Warnung: Deutschland ist unvorbereitet
Bereits auf dem Sicherheitstag der Allianz für Sicherheit in Norddeutschland im Dezember 2024 hatte Carlo Masala eindringlich gewarnt: Deutschland tritt in eine Phase sogenannter Polykrisen ein. Diese zeichnen sich dadurch aus, dass mehrere, sich gegenseitig verstärkende Krisen parallel wirken – Blockbildung der Staatenwelt, Klimawandel, fragile Lieferketten, das Ende der Globalisierung.
Masalas Kernbotschaft: Deutschland und seine Wirtschaft sind darauf unzureichend vorbereitet. Das Paradigma des „Wandels durch Handel“ sei gescheitert, wirtschaftliche Abhängigkeiten von Drittstaaten gefährlich. Er forderte ein konsequentes Umdenken – hin zu geopolitischem Denken in den Führungsetagen, zu mehr Krisenvorsorge und zu einer Stärkung des klassischen Werkschutzes neben der Cybersicherheit.
Unternehmen im Fokus: Fragen und Handlungsfelder
Ebert greift Masalas Thesen auf und überträgt sie auf die Wirtschaft. Sein Szenario verdeutlicht, wie schnell alltägliche Geschäftsprozesse im Spannungsfall zusammenbrechen können. Jede tagesweise Entwicklung ist mit Fragestellungen für Unternehmen verbunden – etwa:
- Wie sichern wir unsere Lieferketten, wenn internationale Transporte blockiert werden?
- Welche Rolle spielt der Werkschutz, wenn kritische Anlagen zum Angriffsziel werden?
- Sind wir auf Notstandsgesetze vorbereitet, die im Ernstfall unmittelbar greifen?
- Welche Ressourcen können wir zur gesamtstaatlichen Verteidigung beitragen?
Diese Fragen sollen nicht erst im Krisenmodus gestellt werden, sondern jetzt als Orientierungshilfe für Unternehmenssicherheit dienen.
Gesamtverteidigung als neues Cluster der Unternehmenssicherheit
Dr. Jürgen Harrer hat 2024 mit seinem „Portfolio-Modell zur Corporate Security“ vier Cluster definiert: Regulatory Security, Asset Protection, Business Unit Support und Enterprise Support. Ebert plädiert für eine Erweiterung um ein fünftes Cluster: Beitrag zur Gesamtverteidigung.
Damit wird klar: Unternehmenssicherheit bedeutet nicht mehr nur Schutz von Mitarbeitern, Anlagen und Daten, sondern auch eine aktive Rolle im Rahmen der gesamtstaatlichen Resilienz. Dazu gehören die Abstimmung mit Behörden, die Einbindung in Notfallpläne und die Fähigkeit, kritische Prozesse im Krisenfall aufrechtzuerhalten.
Szenarien als Orientierungshilfe
Das von Ebert entworfene Szenario ist bewusst fiktiv. Doch gerade darin liegt sein Wert: Unternehmen werden mit möglichen Entwicklungen konfrontiert, die bisher kaum Teil ihrer Risikoplanung sind. Die Methode zwingt dazu, Worst-Case-Szenarien durchzudenken und Maßnahmen abzuleiten.
So wird deutlich: glaubwürdige Abschreckung und wirksame Verteidigung können nur dann funktionieren, wenn Staat und Wirtschaft gemeinsam vorbereitet sind. Gesamtverteidigung ist nicht allein militärisch, sondern ein Zusammenspiel von politischer Steuerung, gesellschaftlicher Resilienz und unternehmerischer Verantwortung.
Fazit: Vom Reagieren zum Vorausdenken
Eberts Analyse macht deutlich: Deutsche Unternehmen müssen ihr Verständnis von Sicherheit erweitern. Cybersicherheit bleibt zentral, doch ohne physische Sicherheit, Notfallplanung und den Einbezug geopolitischer Risiken bleibt die Unternehmenssicherheit lückenhaft.
Die Botschaft ist klar: Nur wenn Unternehmen den Spannungsfall durchdenken und Szenarien ernst nehmen, können sie zum Rückgrat einer gesamtstaatlichen Resilienz werden. Gesamtverteidigung beginnt nicht im Verteidigungsministerium – sie beginnt auch in den Unternehmen.
Das gesamte fiktive Szenario kann hier heruntergeladen werden.

In einer Szenario-Analyse zeigt Andreas Ebert, wie Unternehmen Vorsorge für den Ernstfall treffen können – und warum sie eine tragende Rolle in der Gesamtverteidigung des Landes spielen.



