Energiewende mit offenen Flanken: Tausende Systeme im Internet erreichbar
Eine Studie identifiziert 8.547 öffentlich erreichbare Systeme im Umfeld europäischer Wind- und Solarparks. Einige bieten weitreichende Steuerfunktionen. Der Befund wirft eine zentrale Frage auf: Wie lässt sich eine zunehmend dezentrale Energieversorgung wirksam schützen?

Die digitale Angriffsfläche der Energieversorgung reicht bis in Wind- und Solarparks. Das zeigt die Untersuchung „To see the wind and the sun“ von Modat und dem niederländischen National Cyber Security Centre (NCSC), vorgestellt am 6. Oktober auf der ONE Conference in Den Haag. Für Deutschland erfasste das Untersuchungsteam 212 exponierte Systeme im Umfeld von Windparks sowie 672 Solar-Systeme. Bei den Wind-Systemen führt Deutschland damit die untersuchten Länder an.
Die Zahlen beschreiben öffentlich erreichbare Systeme, nicht die Zahl betroffener Parks oder erfolgreich angegriffener Anlagen. Einen erfolgreichen Angriff auf die identifizierten deutschen Systeme weist die Untersuchung nicht nach. Dennoch macht sie sichtbar, wie weit der Schutzbedarf über große Kraftwerke und Netzbetreiber hinausreicht.
Fernzugriff bis zur Steuerung
Bei rund 181 Standorten stellte das Untersuchungsteam Möglichkeiten weitreichender Fernsteuerung fest. Eine untersuchte Windturbinen-Oberfläche bot beispielsweise Funktionen zum Starten, Stoppen und Zurücksetzen. Damit geht es um Zugänge, deren Funktionen unmittelbar den Anlagenbetrieb betreffen können.
Ob eine erreichbare Oberfläche tatsächlich unbefugte Eingriffe erlaubt, muss allerdings gesondert geprüft werden. Die sichtbare Steuerfunktion allein belegt noch keine erfolgreiche Manipulation. Für die Risikobewertung zählen auch Zugangsschutz, Berechtigungen und die Verbindung zur tatsächlichen Anlagensteuerung.
Die erfassten 8.547 Systeme betrachten die Studienautoren als Untergrenze: Berücksichtigt wurden ausschließlich Systeme, die sich konkreten Anlagen zuordnen ließen. Daraus folgt weder eine vollständige Bestandsaufnahme noch eine Aussage darüber, welcher Anteil aller europäischen Anlagen exponiert ist.
Viele Einzelanlagen, ein gemeinsames Risiko
Hans-Wilhelm Dünn, Präsident des Cyber-Sicherheitsrat Deutschland e. V., fordert, mögliche Folgen über einzelne Standorte hinaus zu betrachten: „Die entscheidende Frage ist nicht, ob ein einzelnes Windrad aus dem Internet erreichbar ist, sondern ob aus vielen dezentralen Schwachstellen ein Risiko für unsere Versorgungssicherheit entstehen kann.“
Ein reales Angriffsszenario dokumentiert Polen: Am 29. Dezember 2025 trafen koordinierte Cyberangriffe rund 30 Wind- und Solaranlagen. Dabei wurden Kommunikationsverbindungen beeinträchtigt. Der Fall verdeutlicht, dass Angriffe auf dezentrale Energieanlagen keine rein theoretische Gefahr sind.
Europas Stromnetze brauchen praktische Widerstandsfähigkeit
Der Befund fällt in eine aktuelle europäische Sicherheitsdebatte. Am 8. Oktober beraten die Agentur der Europäischen Union für Cybersicherheit (ENISA), Netzbetreiber und Sicherheitsexperten beim Cybersecurity Energy Forum in Brüssel über die Widerstandsfähigkeit und Krisenvorsorge der Stromnetze. Zu den Themen gehören dezentrale Energiesysteme, vernetzte Technologien und globale Lieferketten.
Dünn sieht im geplanten Cyberdome mit Sensorik, Analyse und Früherkennung einen geeigneten Ansatz. Seine Unterstützung verbindet er mit einer konkreten Forderung: „Ich wünsche mir, dass Erkenntnisse wie die dieser Studie schnell in seine praktische Ausgestaltung einfließen.“
Für Betreiber ergibt sich daraus eine praktische Aufgabe: Öffentlich erreichbare Systeme müssen bekannt, ihre Zugänge überprüft und mögliche Eingriffe in den Betrieb bewertet werden. Ein besseres Lagebild entfaltet seinen Nutzen erst, wenn daraus konkrete Schutzmaßnahmen entstehen. Die Studie liefert dafür Ansatzpunkte – einen Nachweis bereits kompromittierter deutscher Anlagen liefert sie nicht.

Hans-Wilhelm Dünn, Präsident des Cyber-Sicherheitsrat Deutschland e. V.



