Europa unter Druck:: Wie digitale Souveränität zur Überlebensfrage wird
Deutschlands Wirtschaft ist massiv von Digitalimporten abhängig – das Vertrauen in wichtige Partner sinkt, die Risiken steigen. Der europäische Gipfel zur digitalen Souveränität am 18. November soll eine Wende einleiten.

Die deutsche Wirtschaft ist im digitalen Bereich so abhängig wie selten zuvor. Neun von zehn Unternehmen, die digitale Technologien oder Dienstleistungen aus dem Ausland beziehen, sehen sich von diesen Importen abhängig. Mehr als die Hälfte stuft diese Abhängigkeit sogar als stark ein. Nur eine winzige Minderheit wäre dauerhaft überlebensfähig, wenn zentrale digitale Komponenten ausblieben.
Diese alarmierende Lage hat Deutschland und Frankreich dazu veranlasst, am 18. November in Berlin den Gipfel zur europäischen digitalen Souveränität auszurichten. Die Grundlage: eine umfangreiche Bitkom-Erhebung unter mehr als 600 Unternehmen ab 20 Mitarbeitenden. Sie zeigt, wie tief die ausländischen Technologien in den Strukturen der deutschen Wirtschaft verankert sind – und welche geopolitischen Risiken sich daraus ergeben.
USA und China dominieren – die Unsicherheit nimmt zu
Die Abhängigkeit von den Vereinigten Staaten und China ist im Jahresverlauf weiter gestiegen. Jeweils 51 Prozent der Unternehmen sehen sich stark von einem der beiden Länder abhängig. Gleichzeitig sinkt das Vertrauen: Nur 38 Prozent vertrauen den Vereinigten Staaten noch, bei China sind es 26 Prozent.
Ein wesentlicher Faktor des Vertrauensverlusts ist die Politik des US-Präsidenten Donald Trump. Für 33 Prozent der Unternehmen wirkt sie sehr negativ auf das eigene Geschäft, weitere 46 Prozent erkennen eher negative Folgen. Strafzölle, Handelskonflikte und protektionistische Maßnahmen haben viele Firmen bereits real getroffen.
Noch gravierender sind die prognostizierten Folgen eines abrupten Technologieausfalls: Ohne digitale Leistungen oder Technologien aus den Vereinigten Staaten geben Unternehmen sich selbst eine Überlebensspanne von 12 Monaten, bei China sogar nur von 11 Monaten.
Kaum ein Unternehmen kommt ohne Digitalimporte aus
Die Importabhängigkeit ist alldurchdringend. 96 Prozent aller Unternehmen in Deutschland nutzen digitale Güter oder Dienstleistungen aus dem Ausland. Am stärksten betroffen sind:
- Endgeräte wie Smartphones oder Notebooks (93 Prozent)
- Hardware-Komponenten wie Chips oder Sensoren (74 Prozent)
- Software-Anwendungen (72 Prozent)
- Cybersicherheits-Technologien (67 Prozent)
- Digitale Maschinen und Produktionssysteme (60 Prozent)
- Digitale Dienstleistungen wie Programmierung oder Beratung (41 Prozent)
Ein (sehr kleiner) Teil der Unternehmen weiß nicht einmal, ob ausländische Technologien eingesetzt werden.
Die wichtigsten Herkunftsländer bleiben neben den Vereinigten Staaten und China auch Taiwan, Japan, Frankreich, Länder der Europäischen Union und das Vereinigte Königreich. Besonders Taiwan spielt eine Schlüsselrolle, da es einen erheblichen Anteil der weltweiten Hochleistungs-Chipproduktion kontrolliert.
Vertrauensranking: Europa vorne, China und USA abgeschlagen
Das Vertrauen in ausländische Digitalanbieter unterscheidet sich stark. Führungskräfte in Deutschland sehen Frankreich, Japan und die Europäische Union als besonders verlässlich an. Sehr viel schlechter schneiden die Vereinigten Staaten und China ab.
Bemerkenswert ist: Obwohl viele Unternehmen die Vereinigten Staaten als negativen Einfluss auf das eigene Geschäft wahrnehmen, gelten sie aus Sicht der Befragten mit 52 Prozent dennoch als verlässlicher Partner für Deutschland – ein Hinweis auf die komplexe Balance aus wirtschaftlicher Notwendigkeit und politischer Skepsis.
Bevölkerung fordert mehr Unabhängigkeit
Parallel zur Unternehmensbefragung hat Bitkom mehr als 1.100 Personen befragt. Auch hier ist die Sorge groß: 44 Prozent halten Deutschland für sehr abhängig von digitalen Importen, 50 Prozent für eher abhängig.
Gleichzeitig sprechen sich 98 Prozent dafür aus, dass Deutschland bei Schlüsseltechnologien unabhängiger werden muss. Die Bevölkerung nimmt die geopolitische Lage also klar wahr – und erwartet politische Konsequenzen.
Wirtschaftliche Risiken: Die Vereinigten Staaten im Fokus
Besonders mit Blick auf die Vereinigten Staaten sehen Unternehmen enorme Gefahren. 99 Prozent rechnen mit zusätzlichen Belastungen durch mögliche Strafzölle oder Sanktionen. 56 Prozent fürchten Exportbeschränkungen, 49 Prozent einen möglichen Austritt der Vereinigten Staaten aus internationalen Organisationen. Auch digitale Risiken bereiten Sorge:
- Verlust des Zugangs zu Software- und Plattformdiensten (49 Prozent)
- Abfluss sensibler Daten an US-Behörden (41 Prozent)
- Einschränkungen bei Technologien wie Chips oder KI-Systemen (37 Prozent)
Geringere Relevanz haben erstaunlicherweise Cloud-Dienste, die nur 14 Prozent als Risiko einstufen.
Rückenwind für den Gipfel – und hohe Erwartungen
Der Gipfel zur europäischen digitalen Souveränität wird von der Wirtschaft mit breiter Zustimmung begrüßt. Die Forderungen der Unternehmen sind klar: mehr Investitionen in Schlüsseltechnologien, der Aufbau europäischer Cloud-Infrastrukturen, die Stärkung der Chipfertigung und der konsequente Ausbau eigener Kompetenzen.
Ein zentrales Element ist das European Digital Identity Wallet. Es soll Bürgern und Unternehmen erlauben, digitale Identitäten sicher und selbstbestimmt zu verwalten. Auf dem Gipfel sollen erste Anwendungen präsentiert werden. Mehr als 60 Unternehmen haben bereits zugesagt, entsprechende Lösungen zu entwickeln.
Europa steht vor einer strategischen Zäsur. Digitale Souveränität ist längst keine abstrakte Vision mehr, sondern eine sicherheits- und wirtschaftspolitische Notwendigkeit. Der Gipfel in Berlin könnte der Auftakt einer neuen europäischen Technologiepolitik werden – vorausgesetzt, den Worten folgen entschlossene Taten.




