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Internationaler Schlag gegen Kreditkartenbetrug: 18 Festnahmen bei „Operation Chargeback“

Deutsche und internationale Ermittler sind am 4. November gegen drei weltweit operierende Betrugs- und Geldwäschenetzwerke vorgegangen. Die Beschuldigten sollen über Jahre hinweg Millionen Kreditkartendaten missbraucht und einen Schaden von über 300 Millionen Euro verursacht haben.

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Foto: ©AdobeStock/Not_nutthapong

Bei koordinierten Durchsuchungen in neun Ländern haben Ermittler mehr als 60 Objekte durchsucht und 18 Haftbefehle vollstreckt. Die Generalstaatsanwaltschaft Koblenz und das Bundeskriminalamt (BKA) führten die Aktion an, an der sich Behörden aus Deutschland, Italien, Kanada, Luxemburg, den Niederlanden, Singapur, Spanien, den USA und Zypern beteiligten. In Deutschland durchsuchten über 250 Einsatzkräfte 29 Objekte in acht Bundesländern, darunter Baden-Württemberg, Bayern, Berlin, Hessen, Rheinland-Pfalz, Sachsen, Hamburg und Schleswig-Holstein. Fünf Haftbefehle wurden hierzulande vollstreckt, wie das BKA mitteilte.

Fingierte Abonnements über professionelle Schein-Webseiten

Die Beschuldigten sollen zwischen 2016 und 2021 Kreditkartendaten von rund 4,3 Millionen Karteninhabern aus 193 Ländern missbräuchlich verwendet haben. Laut BKA nutzten die Betreiber der Netzwerke diese Daten, um mehr als 19 Millionen fingierte Online-Abonnements über professionell betriebene Schein-Webseiten abzuschließen. Diese Webseiten gaben vor, Streaming-, Dating- oder Unterhaltungsangebote bereitzustellen, dienten jedoch ausschließlich dazu, die Kreditkarten der Geschädigten mit entsprechenden Gebühren zu belasten.

Die Täter hielten die monatlich abgebuchten Beträge bewusst klein und versahen sie mit unverständlichen Verwendungszwecken. Dadurch konnten viele Kreditkarteninhaber die Abbuchungen nicht eindeutig zuordnen oder erkannten die unberechtigte Belastung gar nicht erst. Diese Strategie ermöglichte es den Netzwerken, über Jahre hinweg unentdeckt zu operieren.

Kompromittierte Zahlungsdienstleister und programmierte Geldwäsche-Software

Nach den bisherigen Erkenntnissen der Ermittler haben die Beschuldigten vier große deutsche Zahlungsdienstleister kompromittiert, um die betrügerischen Kreditkartentransaktionen in den Zahlungsverkehr einzuschleusen. Bei einem der Zahlungsdienstleister implementierten sie eine zu Geldwäschezwecken programmierte Software, wie die Generalstaatsanwaltschaft Koblenz berichtet.

Der realisierte Schaden beläuft sich auf mehr als 300 Millionen Euro. Weitere Transaktionen im Umfang von rund 750 Millionen Euro konnten nicht verwirklicht werden – etwa weil die betroffenen Kreditkarten bereits veraltet waren. Nach Vereinnahmung der Kreditkartenzahlungen leiteten die Beschuldigten die Gelder über eine Vielzahl von Bankkonten in Deutschland, um deren Herkunft zu verschleiern. Insgesamt wurden laut BKA mehr als 100.000 Geldwäschetaten begangen.

Ermittlungen seit 2020 gegen 44 Beschuldigte

Das Ermittlungsverfahren läuft seit Dezember 2020 und richtet sich gegen 44 Beschuldigte aus Deutschland und weiteren Staaten. Unter ihnen befinden sich Beteiligte der mutmaßlichen Betrugsnetzwerke, Verantwortliche deutscher Zahlungsdienstleister, Vermittler, Crime-as-a-Service-Anbieter sowie ein selbständiger Risk Manager. Im Rahmen des Verfahrens wurden in Luxemburg und Deutschland Vermögenswerte in Höhe von über 35 Millionen Euro gesichert.

Das Verfahren beruht auf Analyseergebnissen der Zentralstelle für Finanztransaktionsuntersuchungen (FIU Deutschland). Die FIU hatte aus zahlreichen einzelnen Verdachtsmeldungen verschiedener Verpflichteter ein auffälliges Muster erkannt und an die Strafverfolgungsbehörden sowie die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) übermittelt. „Nach dem Prinzip ‚Follow the money‘ hat die FIU das Muster der Geldwäscher sichtbar gemacht und die Ermittlungen zur Entdeckung dieses grenzüberschreitenden Netzwerks ermöglicht“, erklärte Daniel Thelesklaf, Leiter der FIU Deutschland.

Die BaFin unterstützte das Ermittlungsverfahren mit Maßnahmen gegen Geldwäsche im digitalen Zahlungsverkehr. Laut Birgit Rodolphe, Exekutivdirektorin Abwicklung und Geldwäscheprävention der BaFin, waren durch den Druck der Behörde Geschäftsbeschränkungen und Geschäftsverbote möglich. Die betrügerischen Geschäfte konnten bereits seit 2021 vollständig unterbunden werden, und die Beschuldigten seien nicht mehr in den Finanzinstituten tätig.

Internationale Zusammenarbeit und Verbraucherinformationen

Die bisherigen Ermittlungen und das koordinierte Vorgehen wurden durch die enge Zusammenarbeit mit Behörden in Großbritannien, Italien, Kanada, Luxemburg, den Niederlanden, Singapur, Spanien, den Vereinigten Staaten und Zypern ermöglicht. Eurojust und Europol unterstützten den Einsatz. An den deutschen Durchsuchungen waren neben dem BKA und der Generalstaatsanwaltschaft Koblenz auch die BaFin und die Steuerfahndung beteiligt.

Verbraucher haben laut BKA die Möglichkeit, zu prüfen, ob unberechtigte Abbuchungen von den fraglichen Unternehmen verarbeitet wurden. Eine Liste mit den mutmaßlich auffälligen Verwendungszwecken, die in Kreditkartenabrechnungen enthalten sein können, sowie weitere Informationen zum Rückbelastungsverfahren sind auf der BKA-Webseite unter www.bka.de/OperationChargeback abrufbar.

Martina Link, Vizepräsidentin des Bundeskriminalamts, bezeichnete die Ermittlungen als Schlag gegen die weltweite Finanzbetrüger-Szene. Das Verfahren verdeutliche die zunehmend komplexen Strukturen der grenzüberschreitenden Wirtschaftskriminalität, aber auch die Leistungsfähigkeit der Ermittlungsbehörden und ihrer Partner. Generalstaatsanwalt Harald Kruse aus Koblenz betonte, wie stark sich die Begehung von Vermögensdelikten durch den Einsatz digitaler Mittel verändert habe und wie groß die dadurch hervorgerufenen Schäden sein könnten.

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