Stromnetz unter Druck: Haushalte fürchten Sabotage und Cyberangriffe
Sabotage, Brände, Cyberrisiken: Viele Haushalte sehen Deutschlands Stromnetz als verwundbar. Eine Bitkom-Umfrage zeigt zugleich große Offenheit für Smart Meter, dynamische Tarife und mehr Tempo bei der Energiewende.

Der Brandanschlag auf das Berliner Stromnetz und das Feuer in einem Umspannwerk in Reutlingen haben die Verwundbarkeit kritischer Infrastrukturen sichtbar gemacht. In den Haushalten ist diese Sorge angekommen: Laut einer repräsentativen Befragung von Bitkom Research im Auftrag des Digitalverbands Bitkom halten 74 Prozent das deutsche Stromnetz für anfällig gegenüber Sabotage oder gezielten physischen Angriffen. 71 Prozent sehen Risiken durch Cyberangriffe.
Die wichtigsten Ergebnisse:
- Fast die Hälfte rechnet mit längeren Stromausfällen
- 92 Prozent fordern schnellere Unabhängigkeit von Öl und Gas
- Große Offenheit für Smart Meter: 69 Prozent nutzen sie oder sind interessiert
„Deutschland hat eine sehr zuverlässige Stromversorgung. Aber die jüngsten Vorfälle zeigen: Stromnetze müssen besser geschützt werden – nicht nur gegen Sabotage und physische Angriffe, sondern auch gegen Cyberangriffe“, sagt Bitkom-Hauptgeschäftsführer Dr. Bernhard Rohleder. Aus seiner Sicht sind digitale Überwachung und robuste Cybersicherheitsmaßnahmen nötig, um Tausende Kilometer Stromnetz und zahlreiche dezentrale Anlagen stabil zu betreiben.
Sorge vor längeren Ausfällen
46 Prozent der Haushalte befürchten, dass es an ihrem Wohnort künftig zu einem Stromausfall von mehreren Stunden kommt. 17 Prozent haben in den vergangenen zwölf Monaten bereits einen Ausfall von mindestens fünf Minuten erlebt. Gleichzeitig halten nur 26 Prozent Deutschland für gut auf längere Stromausfälle vorbereitet. Persönlich fühlen sich 47 Prozent gut gerüstet.
Die Zahlen zeigen ein Spannungsfeld: Die Stromversorgung gilt weiterhin als zuverlässig, doch das Vertrauen in die Krisenfestigkeit sinkt. 93 Prozent sagen deshalb, beim Umbau des Energiesystems müsse Sicherheit genauso wichtig sein wie Klimaschutz und Kosten.
Mehr Tempo bei der Energiewende
Die Sicherheitsbedenken bremsen den Wunsch nach Veränderung nicht. 72 Prozent finden, dass die Energiewende in Deutschland zu langsam läuft. 92 Prozent sehen in steigenden Energie- und Spritpreisen ein Argument dafür, schneller unabhängig von Öl und Gas zu werden.
Nur 20 Prozent meinen, Deutschland sei heute besser auf Energiekrisen vorbereitet als 2022 nach Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine und dem Wegfall russischer Gaslieferungen. Mit der aktuellen Energiepolitik der Bundesregierung sind lediglich 15 Prozent zufrieden.
Rohleder formuliert daraus einen breiteren Auftrag: „Die Menschen in Deutschland wollen mehr Unabhängigkeit, mehr Tempo und mehr Verlässlichkeit.“ Die Energiewende sei längst nicht mehr nur eine Frage neuer Windräder, Solaranlagen, Speicher oder Wärmepumpen. Entscheidend seien auch digitale Prozesse – von Genehmigungen über Netzanschlüsse bis zur Mess- und Steuertechnik.
Smart Meter als Baustein
Besonders deutlich ist der Wunsch nach Transparenz. 90 Prozent der Haushalte fänden es hilfreich, den aktuellen Stromverbrauch so einfach sehen zu können wie den Spritverbrauch im Auto. 58 Prozent möchten per App oder online erkennen, welche Geräte besonders viel Strom verbrauchen. 67 Prozent wünschen sich mehr Transparenz über die Klimawirkung ihres Energieverbrauchs.
Dabei rückt der Smart Meter in den Mittelpunkt. Ein Smart Meter ist ein intelligentes Messsystem, das Verbrauchsdaten digital erfasst und über ein Smart-Meter-Gateway sicher übermittelt. Es kann außerdem Preis- und Steuersignale empfangen und damit Wärmepumpen, Wallboxen oder Speicher flexibler ins Stromsystem einbinden.
8 Prozent nutzen bereits einen Smart Meter, 30 Prozent können sich die Nutzung auf jeden Fall vorstellen, weitere 31 Prozent eher. Zugleich fühlen sich 77 Prozent der Haushalte ohne Smart Meter nicht gut informiert. 48 Prozent haben Bedenken, dass zu viele persönliche Daten erfasst werden.
Flexible Tarife treffen auf hohe Bereitschaft
Auch dynamische Stromtarife stoßen auf Interesse. 2 Prozent nutzen sie bereits, 31 Prozent können sich die Nutzung auf jeden Fall vorstellen, 37 Prozent eher. Noch höher ist die Bereitschaft, den eigenen Verbrauch anzupassen: 90 Prozent würden Strom dann nutzen, wenn er günstiger ist. 85 Prozent wären bereit, Geräte automatisch dann laufen oder laden zu lassen, wenn Strom besonders preiswert verfügbar ist. „Niemand sollte Strompreise im Tagesverlauf minutiös verfolgen müssen“, sagt Rohleder. Digitale Anwendungen müssten den Aufwand reduzieren und flexible Verbraucher alltagstauglich machen.
Aus Sicht des Bitkom braucht es dafür schnellere Smart-Meter-Rollouts, stabile Regeln im Messstellenbetriebsgesetz (MsbG), digitalisierte Netzanschlussprozesse und einen breiteren Einsatz von Daten und künstlicher Intelligenz (KI) im Verteilnetz. Die Umfrage zeigt dafür Rückhalt: 89 Prozent sehen Digitalisierung eher als Chance für die Energiewende, nur 7 Prozent eher als Risiko.
Grundlage der Angaben ist eine repräsentative telefonische Befragung von 1.002 Haushalten in Deutschland mit mindestens einer Person ab 18 Jahren. Sie wurde zwischen Kalenderwoche 16 und 20 im Jahr 2026 durchgeführt.




