Netzbetrieb am Limit: Siemens macht Stromnetze intelligenter
Mit Gridscale X will Siemens Stromnetze effizienter nutzbar machen, ohne Stabilität zu riskieren. Die Plattform verbindet Planung, Betrieb und eigene Anwendungen der Versorger auf einer gemeinsamen digitalen Basis.

Die Energiewende stellt Stromnetze vor eine doppelte Herausforderung: Sie müssen immer mehr Strom transportieren und zugleich immer stärker schwankende Einspeisung aus erneuerbaren Quellen ausgleichen. Hinzu kommen neue Großverbraucher wie Rechenzentren, elektrische Industrieprozesse und KI-getriebene Anwendungen. Klassische Verfahren für Netzbetrieb und Übertragungsplanung geraten damit zunehmend an ihre Grenzen.
Siemens reagiert darauf mit der nächsten Entwicklungsstufe von Gridscale X. Die Plattform soll Energieversorgern eine einheitliche digitale Grundlage geben, um ihre Netze transparenter, schneller und skalierbarer zu betreiben. Im Mittelpunkt steht ein gemeinsames Netzmodell, das Planung und Betrieb enger miteinander verzahnt. Dadurch sollen Versorger Risiken besser erkennen, vorhandene Kapazitäten effizienter nutzen und ihre Netze näher an den technischen Belastungsgrenzen betreiben können.
Gemeinsames Modell statt digitaler Insellösungen
Der zentrale Gedanke hinter Gridscale X ist ein digitales Rückgrat für den Netzbetrieb. Statt einzelne Anwendungen, Datenmodelle und Planungswerkzeuge getrennt zu betreiben, bündelt die Plattform verschiedene Funktionen auf einer gemeinsamen Basis. Das erleichtert nicht nur den Zugriff auf Netzdaten, sondern schafft auch die Voraussetzung für digitale Zwillinge, automatisierte Analysen und perspektivisch autonome Netzfunktionen.
Ein wichtiger Punkt ist die Offenheit der Plattform. Versorgungsunternehmen können nicht nur Siemens-Anwendungen und Lösungen von Drittanbietern nutzen, sondern auch eigene Anwendungen integrieren, ausführen und weiterentwickeln. Damit wird Gridscale X nicht nur zu einem Softwareprodukt, sondern zu einer Betriebsplattform für individuelle Innovationsstrategien der Netzbetreiber.
KI für die Übertragungsplanung
Parallel erweitert Siemens seine etablierte Planungssoftware PSS E auf Gridscale X. Die neue Generation setzt auf KI-gestützte und agentenbasierte Funktionen. Ziel ist es, Planungsprozesse zu beschleunigen und Entscheidungen transparenter zu machen. Gerade bei der Übertragungsplanung zählt Geschwindigkeit: Anschlussanfragen für neue Lasten, Netzverstärkungen und Einspeisepunkte müssen bewertet werden, während die Netzstabilität jederzeit gewährleistet bleiben muss.
Die neue PSS E-Generation kombiniert bewährte Simulationsverfahren mit domänenspezifischer KI-Automatisierung und einer modernisierten, cloud-nativen Benutzeroberfläche. Mehr als 2.000 offene Programmierschnittstellen sollen dafür sorgen, dass sich Prozesse automatisieren und bestehende Systeme einfacher einbinden lassen. Damit rückt eine Planung auf Basis digitaler Zwillinge näher an den operativen Alltag heran.
Besonders relevant ist dies für Rechenzentren und andere große Lasten. Deren Anschluss kann lokale und regionale Netzstrukturen stark belasten. Siemens verspricht, dass Netzanschlussanfragen durch die neue Oberfläche und Automatisierung um bis zu 50 Prozent schneller beantwortet werden können. Für Übertragungsnetzbetreiber kann das ein entscheidender Faktor sein, um Nachfrage, Versorgungssicherheit und Ausbauplanung besser miteinander zu verbinden.
Schritt in Richtung autonomer Netze
Gridscale X zeigt, wohin sich Netzsoftware entwickelt: weg von isolierten Werkzeugen, hin zu Plattformen, die Daten, Simulation, Automatisierung und Betrieb zusammenführen. Für Versorger wird entscheidend sein, ob solche Systeme nicht nur zusätzliche Funktionen liefern, sondern die wachsende Komplexität tatsächlich beherrschbarer machen.
Siemens positioniert sich damit als Anbieter einer Infrastruktur, die Netzbetreiber auf dem Weg zu resilienteren und stärker automatisierten Stromnetzen begleiten soll.

Siemens definiert mit Gridscale X den Netzbetrieb und die agentenbasierte Übertragungsplanung neu.



